Max in der Stadt Casor

In diesem Text kommt der Name ‚Max‘ 28 mal vor, hingegen der eigentliche Titel ‚Stadt Casor‘ nur 6 mal. Ein Wort wurde ‚geschlechtergerecht‘ abweichend vom Originaltext geschrieben. Blaue Wörter sind Konjunktionen, Rosa Wörter sind Präpositionen, Grüne Wörter sind Pronomen. Die Lesezeit dieses Artikels beträgt ca. 9 Minuten.

 

 

Max stammte aus einer einfachen Familie, nahe der Stadt Casor. Schon von Kindheit an war es ihm Pflicht und eben von den Eltern auferlegt, seinen Teil für den Haushalt zu geben.

 

Max besorgte Brennholz aus dem nahegelegenen Wald.

 

Max pflückte Beeren und Pilze und Kräuter.

 

Max erledigte Einkäufe für die Mutter.

 

Max spielte Mundharmonika in der Weihnachtszeit, um genug Geld für Geschenke zu haben.

 

Max war überall. Eine ordentliche Ausbildung wurde ihm geboten, jedoch Anbetracht der Tatsache, dass ein höheres Studium kein Geld brachte, im Gegenteil, nur Geld kostete, und er somit seiner Familie zur Last fallen würde, entschloss er sich, zum richtigen Zeitpunkt, eine Lehre bei einem Bäckermeister anzutreten.

 

Es begeisterte ihn, sein Einkommen unter seiner Familie zu verteilen.

Für sich behielt er nur das Notwendigste – zu wenig, um damit vielleicht einem Mädchen imponieren zu können, doch momentan genug für ihn allein.

Der Bäcker- und Konditormeister starb einige Jahre nachdem Max die Lehre bei ihm angetreten hatte.

Freundlicherweise und auch deswegen, weil Max zusammen mit dem Bäckermeister ein Herz und eine Seele war (oder auch umgekehrt), hatte jener sein gesamtes Vermögen Max vermacht.

Für die entfernten Verwandten des Bäckermeisters, die auch in der Stadt Casor lebten, war das ein schwerer Schlag, und ließ diese auch ‚Neidkeime‘ sprießen.

 

Max, der unerwartet mit diesem Glück konfrontiert wurde, nahm sich diese Sache schwer zu Herzen. Das geerbte Glück bestand für ihn eigentlich nur in der Seele, in der Güte und Liebe, die ihn der verstorbene Bäckermeister durch diesen Akt erleben ließ.

 

Max trat das Erbe an, trat die Macht an, die ihm der einzige Bäckermeistersitz in dieser Stadt verhieß.

 

Max wurde in das harte Geschäftsleben gedrängt. Verschenken konnte man ja die Ware nicht! Geld war das Mittel, dass die Allgemeinheit seine Dienste, seine Materialien kostete. Zuviel Geld und zu viel Monopolstellung in dieser Stadt bedrängten Max, das Machtgefühl auszukosten.

 

Max vergrößerte den Bäckerladen, stellte viel Personal ein, arbeitete eigentlich nur mehr für seine Finanzbuchhaltung, verkehrte nur mehr in den besten Kreisen; an seinem Arbeitsplatz war er nur mehr bei Kontrollbesuchen zu sehen.

 

Max erwarb das Kreditbüro der Stadt Casor, als der Inhaber desselben, bewirkt durch schlechte Transaktionen, in Schwierigkeiten stak, zu den günstigsten Konditionen.

 

Max erstand den Tuchladen und die Konzession für den einzigen Spielbetrieb der Stadt Casor.

 

Max heiratete eine der reichsten Frauen der Stadt: die Tochter des Apothekers. Diese gebar ihm zwei Kinder innerhalb zweier Jahre.

 

Max war weder stolz auf seine Kinder, noch auf seine Frau, noch auf sich selbst.

 

Max bekam graumeliertes Haar. Das Leben war schnell an ihm vorbeigegangen. „Was ist Leben?“, dachte er öfter. Da zog ein Zirkus in die Stadt Casor.

 

Max besuchte den Zirkus mit seiner Familie. So ein Zirkus kam vielleicht alle fünf Jahre in die Stadt Casor. Mit Bären, Muskelmännern, dressierten Löwen, eleganten Reiterinnen, Clowns. Die beeindruckendste Attraktion für Max war ein Clown. Dieser spielte lustig und ernst, eifersüchtig, rachsüchtig, kindisch, zeigte Allüren, war untergeben, frech, traurig, fröhlich; vereinte ziemlich alle Eigenschaften eines Menschen in seiner Person.

 

Max wurde dadurch auf sein Leben aufmerksam gemacht, resignierte und wollte schon fast Hand an sein Leben legen. Wie wird ein kindischer Mensch durch solch eine kindische Clowngestalt auf sein kindisches Menschenleben aufmerksam? Diese Frage ist eher rhetorisch, denn Max machte sich sicherlich keine Gedanken darüber; er empfand einfach anderes.

 

Max wurde für seine Umwelt kindisch. Er ging öfters in den Wald und pflückte Beeren und Pilze. Er schnitzte seinen Kindern Spielzeug aus Holz, anstatt teures Spielzeug zu erstehen. Seine Frau verwöhnte er mit diversen Kräutern, um daraus Tee machen zu können; sie verstand ihn nicht. Und eines Tages drehte er total durch. Er wollte nicht mehr aus dem Wald zurück. Vergeblich versuchte seine Frau, mit Hilfe ihrer und seiner Verwandten, die Schmach, das Gelächter der Gesellschaft so gut es ging zu verhindern. Doch was sollten die Stadtbewohner tun? Ihn etwa bestrafen? Dazu müssten sie das Gesetz brechen!

Das ist die falsche Fortsetzung! Ist aber fast passend!? Richtig weiter im Text geht’s hier.

Max war erleichtert. Er lernte nun, unbekümmert, wie damals vor Jahren noch als Kind, das Gehen. Nach einigen Tagen war es soweit. Er bewegte seine schmerzenden Gelenke wohin er wollte und soweit er vorhatte. „Nur hinüber, zu den Häusern der Frauen!“, schoss es ihm durch den Kopf. Als er drüben anlangte, merkte er eine unruhige Bewegung in den starr vor sich hin blickenden Gesichtern der Frauen. Eine nervöse, bewegliche Lähmung.

 

Max entriss einer der Frauen ein Buch, dass in der steifen Umklammerung ihrer Hand ruhte. Er las den Titel mit aufgeregter Miene: „Gesetzbuch der Passiven“.

 

Max blätterte in dem Buch; las darin stellenweise. Er bemerkte da und dort eine interessante Stelle und versank darin. Er legte das Buch in die Hand seiner Besitzerin zurück, wandte sich um und ging zu den Häuserzeilen vis á vis. Dort suchte er seinen Standplatz, was ihm einige Mühe bereitete, denn die glühende Sonne hatte seine Fußspuren im Asphalt geschmolzen. Doch er erinnerte sich seiner

Kolleg*innen

rechts und links und vorne und hinten und bezog also Position.

Max stand sinnlos herum und hatte eine Träne im linken Auge.

 

So geht‘ wirklich weiter:

 

Max blieb standhaft, besser gesagt sesshaft, denn in einem hohen Baumwinkel verschanzte er sich, und die Versuche seiner Freunde waren vergeblich ihn von dort herabzuholen.
Es wurde Nacht, und Max blieb allein in dem Wald.
Er warf seine Kleider hinunter, roch an einem Blatt, schaute in den dunkelblauen Himmel, roch das Harz, lauschte der Eulen, witterte das Wild, schnupperte die Kräuter, freute sich über den Halbmond, spürte die Finsternis.

Die Stadt Casor trug in der nächstfolgenden Woche Max zu Grabe, der nach jener Nacht, mit einem unerklärlichen Lächeln, nackt und erfroren, von dem hohen Baumwinkel, unter erschwerten Bedingungen, nämlich mittels einer Seilwinde, abgepflückt wurde; wie eine Frucht, die schon fast überreif, abgesahnt.

Max erhielt ein Denkmal gesetzt. Die schriftlichen Berichte über die letzten, fatalen Monate wurden sämtlich vernichtet.